Vydratal

Wir sind von der Wanderung entlang des Hamerský potok und über die Hochebene Horska Kvilda zu Antygl zurückgekehrt. Unser nächstes Naturerlebnis ist der Weg Fluss abwärts entlang der wilden Vydra. Das Tal wird als Naturdenkmal bewertet und ist an wilder Schönheit kaum zu überbieten. Gleich hinter der Mündung des Hamersky potok in die Vydra beginnt unsere Wanderung. Immer wieder schaue ich in das fließende rauschende Wasser des Flusses und merke, dass alles andere um mich herum unwichtig wird. Hier ist der richtige Ort, um von der heutigen hektischen Zeit abzuschalten. Ich möchte es mit dem neudeutschen Wort sagen, einfach entschleunigen. Wir können es noch unterstützen, in dem wir uns für ein paar Augenblicke auf einen größeren Stein setzen und das ständig fließende Wasser mit all seinen Strudeln und kleinen Wasserfällen verfolgen ...

Die winterliche Vydra
Die winterliche Vydra

 

 

Riesentöpfe bei der Turnerova chata
Riesentöpfe bei der Turnerova chata

Unser Wanderweg durch das Vydratal führt 7 km entlang des Flusses. Zwischen Antýgl und Čeňkova Pila ist die Vydra besonders interessant anzuschauen. Das Tal stellt eine der größten Sehenswürdigkeiten als Naturdenkmal des Böhmerwaldes dar. Bewundernswert sind vor allem die Steinblöcke im Flussbett und an den Berghängen. An diesen hat die extrem starke Strömung Aushöhlungen geschaffen. Diese Riesentöpfe finden wir in der Nähe der Turnerova chata. Da der Naturlehrpfad Povydří rollstuhlfahrergerecht umgestaltet wurde, ist hier das Radfahren verboten. Atmen wir die saubere Luft, erfrischen wir unseren Geist beim Blick auf die glitzernden Stromschnellen und schöpfen Energie beim Blick in die unberührte Natur. Wir kommen an der Klostermann-Brücke vorbei und laufen bis Horni Hrádky, den Ort oberhalb des Tals mit alten Böhmerwaldhäusern. Einen Zwischenstop machen wir dann bei der Turnerova chata. Entlang des Zhůřsky Potok schlage ich eine kleine Wanderung vor, bevor wir bis zum interessanten Ort Čeňkova Pila gelangen, wo die Vydra sich mit der Křemelná vereinigt und die Otava entsteht.

Übersicht Vydratal
Übersicht Vydratal

Der Weg durch das Vydratal führt auf historischem Grund entlang, denn ein großer Sturm wütete in der Nacht vom 27. Oktober auf den 28. Oktober 1870 in diesem Bereich des Böhmerwaldes. Viel Windbruch entstand. Die zigtausend Festmeter Schadholz, die angefallen sind, mussten abtransportiert werden. Es entstand der feste Weg bis nach Čeňkova Pila, der heute gut begehbar und als Naturlehrpfad Povydri gestaltet ist. Die Aktivität des Wasserlaufs in diesem Bereich äußert sich in einer ständigen Erosion durch Gesteinsbewegung. Die 370 m des Höhenunterschiedes zwischen Modrava und Čeňkova Pila begünstigt das Scheuern und Bewegen und vertieft die Flussschlucht ständig. Dieser Prozess dauert in der Regel Hunderte von Jahren. Plötzliches Abschmelzen des Schnees oder heftige Regenfälle können jedoch zu erheblichen Veränderungen führen, so wurden 1994 und in manch anderem Jahr Straßen weggespült und Wanderwege unpassierbar. Auch der Campingplatz Annin, auf dem ich oft mein Zelt aufstellte, wurde in Mitleidenschaft gezogen. Heute schützt ein Deich vor Hochwasser. Es ist schwer vorstellbar, dass die Kraft des Wassers nach Regen und Schneeschmelze immer wieder so gewaltig ist.

Horni Hradky
Horni Hradky

 

 

Haus in Horni Hrádky
Haus in Horni Hrádky

Wir machen an der Klostermannbrücke eine kleine Wanderung zur Siedlung Horni Hrádky Es wird immer wieder betont, dass das Tal eine der schönsten Landschaften im Zentrum der Šumava ist, was ich nur bestätigen kann. Malerischen Klippen, einst "Schlössel" genannt, fallen steil zum Fluss hinab. Die Siedlung erhielt ihren deutschen Namen von diesen Felsen - Schlösselwald. Nun sind wir diese Klippen hochgewandert. Es ist ein kurzer steiler Weg. Aber ich möchte unbedingt diesen kleinen Umweg empfehlen. Sind wir oben angekommen, öffnet sich ein wunderschönes Wiesenpanorama, vorausgesetzt wir sind im Spätfrühling unterwegs.

Dieses Gebäude auf der Hochebene gehört zu Horni Hrádky, es wurde beispielhaft restauriert. Die Aufnahme hat für mich eine ganz besondere „böhmische“ Ausstrahlung. Das Holz und die Blumen kennzeichnen die Naturverbundenheit der Menschen, die hier ausgiebig gelebt wird. Die Holzstapel lassen mich an die wohlige Wärme, die von einem Kamin oder Kachelofen ausgeht, denken. Gemütlichkeit finden wir auch am Ende der Hauswand, dort, wo die Bank mit dem Tisch und dem attraktiven Sessel zur Pause einladen. Passend könnte ich mir ein Glas böhmisches Bier vorstellen. Die typische Wandverkleidung mit Holzschindeln kennzeichnet eine Jahrhundert alte Tradition für den Hausbau. Alles wirkt zwanglos und natürlich, aber trotzdem von einer ordentlichen Hand geführt. Leider waren die jetzigen Besitzer nicht anwesend. Ich hätte gern noch mehr über die Geschichte dieses Hauses erfahren.

 

 

Turnerova charta
Turnerova charta

Wir wandern die Vydra flussabwärts und erreichen die Turnerova chata. Sie ist die einzige öffentlich zugängliche Berghütte in der Kernschutzzone des Nationalparks Šumava an der wilden Vydra zwischen Antýgl und Čeňkova pila. Der Berggasthof wurde 1934 errichtet und blieb in der traditionellen Holzarchitektur des vorigen Jahrhunderts erhalten. Mehrmals abgebrannt wurde die Hütte immer wieder im gleichen Stil aufgebaut und bietet heute ganzjährig Unterkunft und Verpflegung in einer gemütlichen Gaststube mit Kaminfeuer und Sommerterrasse. An diesem Standort mündet der Zhůřský potok in die Vydra. Wir erinnern uns noch einmal an die Geschichte in diesem Gebiet: Die Waldstraße entlang der Vydra diente der Holzabfuhr. Von dem Straßenbaumeister Thurner, dem Erbauer der Straße durch die wilde Schachtelei, wie diese Gegend damals genannt wurde, erhielt die Hütte ihren Namen. Jedes Mal, wenn ich hier vorbei komme, genieße ich das böhmische Bier und dazu eine typische schmackhafte Pilzsuppe, mit einer Scheibe Kümmelbrot, welches ich hier im Böhmerwald besonders liebe.

 

 

Wasserkraftwerk Čenkova Pila
Wasserkraftwerk Čenkova Pila

Unsere Wanderung geht weiter flussabwärts.
Wenn wir das Wasserkraftwerk in den Blick bekommen, sind wir kurz vor dem Ende der wilden Vydra.

 

 

 

Vydra an der Mündung der Křemelná
Vydra an der Mündung der Křemelná

An diesem Ort ist das Ende der Vydra erreicht. Sie vereinigt sich mit der Křemelná und fließt als Otava weiter. Nach der Wanderung entlang des Lehrpfades Povydri mit den vielen interessanten Blicken ist hier der Moment gekommen, an dem wir uns wieder eine Pause gönnen. Wir suchen uns ein Plätzchen unweit des Zusammentreffens der beiden Flüsse direkt am Ufer und genießen die Natur. Später können wir uns über die Geschichte des Ortes informieren. Er hat eine lange Vergangenheit. Ein Museum erinnert an die Anfänge der Elektrifizierung rund um Kašperské Hory. Ganz interessant ist festzustellen, dass in der letzten Zeit viele ältere Gebäude restauriert wurden und neue Häuser entstanden. Den Namen bekam der Ort von dem ehemaligen Besitzer des Sägewerkes Čeněk Bubeníček.

 

 

Vydra wird zur Otawa
Vydra wird zur Otawa

Mit einem letzten Blick auf die Vydra, die nun zur Otava wird, müssen wir uns verabschieden. Unsere Wanderung ist beendet. Es wird eine Weile dauern, um die vielen Eindrücke und Erlebnisse entlang des Flusses, auf die Höhen der Berge und durch die wilden Täler zu Hause nachzuerleben. Freunde und Bekannte sollen meine Begeisterung spüren, denn voller Überzeugung werde ich sagen, wie schon seit vielen Jahren: Es war wieder wundervoll hier im Vydratal.

 

 

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Fotos, Skizzen & design © Bernd Willi Heinz Richter